Nachhaltiges Büro
Neubau des Ingenieurbüros Jeßnitz in Winsen
27.04.2026
Wenn immer wieder Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen staunend auf dem Aller-Radweg vor einem neuerbauten Objekt stehen bleiben, muss etwas Besonderes entstanden sein.
Im Fall des neuen Bürogebäudes in Winsen (Aller), in dem Bauingenieur Jan Jeßnitz und sein Team ein neues Zuhause finden, trifft das auf jeden Fall zu – denn das Objekt in bester Lage mit Allerblick erweckt zuerst den Eindruck, als würde es schweben.
Zur Vorgeschichte: Jan Jeßnitz hatte einen präzisen Plan, als er sich mit der Notwendigkeit eines Neubaus für sein Ingenieurbüro beschäftigte: Er wollte die Pflicht zur Kür machen und mit dem Gebäude ein Leuchtturmprojekt schaffen, in der sich viele zukunftsweisende Aspekte und Möglichkeiten des modernen und nachhaltigen Bauens auf harmonische Weise vereinen. Gedacht, geplant und gehandelt. Für das Bauvorhaben konnte Jeßnitz das Grundstück Taube Bünte 33 erwerben, eine Lage mit gewerblichem Umfeld in idyllischer Nähe zur Aller, die aus den Fenstern des neuen Standorts zu sehen ist.
Doch der Anspruch, ein Leuchtturmprojekt zu bauen, hält sich selbstverständlich nicht mit der Lage auf. Das Planungsbüro arbeitet schwerpunktmäßig in den Bereichen Tragwerksplanung, Bauphysik und Nachhaltigkeitszertifizierung – und im eigenen Objekt zeigt sich dieses Leistungsspektrum von seiner besten Seite. Entschieden wurde sich für eine Holzmodulbauweise. Bei ihr werden die Gebäudeelemente vorgefertigt angeliefert und vor Ort zusammengesetzt. Dieses Konzept, kombiniert mit der hausinternen Planung, hat bei dem rund 280 Quadratmeter großen Gebäude, zu einer beeindruckend kurzen Bauzeit von lediglich drei Monaten geführt.
Zurück zum Thema des „Schwebens“: Was nicht nur zufälligen Passanten sofort ins Auge fällt, ist, dass sich unter dem Gebäude hindurchschauen lässt. Konstruktiver Grund dafür sind die Schraubfundamente, welche fest in den Boden eingedreht sind und eine aufgestockte Platzierung des Gebäudes, ungefähr einen Meter über dem Gelände, ermöglicht. Damit ist zum einen ein Schutz gegen Hochwasser-Szenarien verwirklicht, zum anderen schützt die Luftschicht unter dem Haus die Holzelemente vor aufsteigender Feuchtigkeit. So kann das Wasser auch unter dem Bauwerk versickern, da keine Betongründung benötigt wird, wodurch das gesamte Projekt betonfrei umgesetzt werden konnte. Elegant ist das Erscheinungsbild des Projektes. Ein Flachdach schließt die Gebäudehülle ab und sorgt mit extragroßen Überständen für eine natürliche Beschattung der Büroräumlichkeiten.
Die konsequente Verwendung nachhaltiger Baustoffe setzt sich im Innenbereich fort, von Kaschmir-Ziegenhaar Teppichen oder Wandfarbe aus Kartoffelstärke bis zu bestimmten Möbelstücken, welche aus den ehemaligen Dielen eines über 170 Jahre alten Bauernhauses wiederverwendet werden konnten. Durch die vielen bodentiefen Fenster, nicht nur nach außen, sondern ebenso in den Flurbereich und mehrerer Oberlichter, ist das gesamte Gebäude tageslichtgeflutet. Im Zusammenspiel mit dem Sichtholz ergibt sich ein behagliches Ambiente.
Auch haustechnisch wurde hier nicht in Kompromissen gedacht und gehandelt. Wärmepumpe und Photovoltaik-Anlage sind so dimensioniert, dass sie Überschüsse produzieren und nur in Ausnahmefällen externe Einspeisungen brauchen. Die am und im Gebäude gewonnene Energie kann durch zwei Ladestationen auch zum Laden von Elektro-Autos genutzt werden.
Die Ladesäulen sind im biodiversitätsfördernden Außenkonzept ebenso berücksichtigt, wie verschiedene heimische Bäume, Sträucher und Blühstreifen. Anstatt eines einfachen Insektenhotels und einer Rasen-Monokultur wurde beschlossen, den gesamten Garten so anzulegen, dass Insekten und andere Wildtiere von ihm profitieren können, indem verschiedene Biotope geschaffen werden. So gibt es unter anderem Steinhaufen, eine Totholzhecke, Sandflächen, einen Sumpfgraben und größere Flächen werden als Blühwiese anstatt als Rasen gestaltet, zudem wurde das Dach als Gründach geplant.
Die ebenfalls auf Schraubfundamente höher gelegte, umlaufende Terrasse ist so umgesetzt, dass diese komplett unter dem Dachüberstand verläuft. So können die Mitarbeitenden witterungsgeschützt direkt aus ihren Büros auf die Terrasse treten und den Außenraum genießen, ohne Flora und Fauna zu stören. Sollte doch ein kleiner Spaziergang im Garten geplant sein, steht ein schmaler umlaufender Rasenweg zur Verfügung.
Der Neubau konnte wie geplant im Dezember fertiggestellt und im Januar bezogen werden. Die Arbeiten im Außenraum sind im vollen Gange. Auch das Vorhaben, viele zukunftsweisende, nachhaltige Aspekte und Möglichkeiten zu vereinen ist auf Anhieb geglückt. Eine unabhängig geprüfte Nachhaltigkeitszertifizierung der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, in welcher die Gold- oder Platin Auszeichnung angestrebt wird, ist derzeit in Arbeit. Es hat bereits verschiedenste interessierte Delegationen gegeben, die das visionär geplante Büro besucht haben, um sich über Details des Bauens von Morgen zu informieren.
Und selbstverständlich bleiben auch die staunenden Betrachter*innen auf dem Aller-Radweg, die man durch die Fenster und von der Terrasse aus entdeckt, willkommen.
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