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19 August 2022

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Ausgabe Juli 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal sitzt man an diesen ersten wunderschönen Sommerabenden auf Balkon oder Terrasse und stellt sich die Frage aller Fragen: War früher wirklich alles besser? Diese Frage lässt sich dann schnell vom Allgemeinen ins Besondere präzisieren: Schmeckten früher die Tomaten wirklich nach Tomaten? Haben früher Bundeskanzler wirklich gesagt, was sie tun wollen? War früher der Tatort tatsächlich noch ein spannender Krimi?

Diese Fragen sind natürlich eine fiese Falle, weil sie jetzt mal drei Beispiele herauszerren, bei denen man wirklich darüber streiten könnte, ob das Spiel Gestern gegen Heute da nicht jeweils 1:0 für die Vergangenheit ausgeht. Wenn man aber zum Beispiel den vielen jungen Menschen, die in den Städten Laternenpfähle umrennen, weil sie ausschließlich auf ihre Smartphones gucken, verrät, dass es früher keine Smartphones gab, brauchen sie vermutlich keine Zehntelsekunde, um sich für die Zeit zu entscheiden, in der sie lieber leben. Und Laternenpfähle haben bei dieser Entscheidung ja nun mal kein Mitspracherecht.

Bevor wir jetzt also zu sehr eine Spaltung der Gesellschaft in Früheristen und Heutophile vorantreiben, weisen wir mal auf diese große Menge von Dingen hin, die sich überhaupt gar nicht entscheidend geändert haben. Zum Beispiel konnte man sich früher ein Bahnticket kaufen, zur genannten Zeit zum Bahnhof gehen und den gewünschten Zug nehmen. Eigentlich kein spektakulärer Vorgang, denn dafür stehen ja auf den Zugfahrplänen nicht nur Reiseziele, sondern auch Zeiten für Abfahrt und Ankunft. Und das ist heute noch ganz genauso. Allerdings, Moment …

Heute kauft man sich ein Zugticket, und das sogar viel einfacher als früher, nämlich mit einem Smartphone, und zwar so schnell, dass man dafür nicht mal einen Laternenpfahl umrennen muss. Und dann geht man halt zur angekündigten Zeit zum … Ach nee, das Smartphone schickt eine Nachricht, dass der Zug sich zehn Minuten verspätet. Kein Problem, dann trinkt man eben ganz in Ruhe seinen Milchkaffee aus und geht zehn Minuten später … Neue Nachricht: 20 Minuten. Okay, dann könnte man sogar noch mal kurz ein paar Dinge für Reise shoppen gehen und … Neue Nachricht: 30 Minuten.

Jetzt interessiert es einen aber schon, warum der Zug eigentlich so viel Verspätung hat. Also Smartphone her und ab in die Bahn-App, da steht es doch bestimmt drin. Und tatsächlich, da steht es: „Aufgrund einer verspäteten Bereitstellung des Zuges“. Man nickt und schließt verständnisvoll die App. Ja, das kann schon mal passieren. Bis man plötzlich merkt, dass das strenggenommen ja gar kein Grund ist. Aber man merkt sich den Trick schon mal für den Fall, dass man ein paar Stunden zu spät zur Arbeit gehen möchte: Tut mir leid, aber es gibt einen guten Grund, ich konnte mich einfach nicht rechtzeitig bereitstellen.

Eine Kollegin ging kürzlich aufgrund dieses Chaos an den Bahnhöfen übrigens auf Nummer sicher und buchte sich einen Flug von Hannover nach Frankfurt, um von dort dann eine Fernreise zu starten. Aber das war dann ein bisschen wie einen kleinen Brand im Aschenbecher mit einem Flammenwerfer zu löschen. Eine runde Stunde Schlange vorm Check-In, dann rechtzeitig drin, um zu erfahren, dass der Flug gestrichen wurde. Ersatzlos. Und auch ein Grund konnte leider nicht mal verspätet bereitgestellt werden.

Es läuft also in Deutschland. Und mal ehrlich: Brauchen wir denn Bahnen und Flieger zur Fortbewegung wirklich so dringend? Zum einen liegt doch das höchste Glück auf Erden immer noch auf den Rücken von Pferden. Und zum anderen haben ja die meisten von uns ihre geliebte Privatkutsche mit mehr als 1 PS in der Garage stehen. Okay, beim Tanken hat man zur Zeit das Gefühl, nicht einen Liter Sprit, sondern erhebliche Anteile am Mineralölkonzern zu kaufen. Aber dafür kann jetzt die Bahn wirklich nichts. Und außerdem war das früher auch schon mal so.

Ihr
Team von SB&W

Bauvorhaben dieser Ausgabe

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